Presseerklärung
Wieviele Autos, LKW's und Flugzeuge verträgt die Schöpfung?
Kirchenvertreter fordern eine Bewegung für menschen- und umweltfreundlichen Transport, eine Bewegung fuer schoepfungserhaltende Mobilitaet.
Bad Boll: "Was eine Person in Bangladesh in einem Jahr fährt, kocht oder arbeitet, trägt genauso viel zur Erwärmung der Erdatmosphäre bei wie eine Stunde Flug" Darauf wies Dr. Manfred Treber, Flugexperte von Germanwatch .auf einer internationale Fachkonferenz unter dem Thema "Was bewegt die Kirchen(n). Perspektiven menschen- und umweltfreundlicher Transportpolitik" vom 2-5. Mai 2000 in der Evangelischen Akademie in Bad Boll hin. An der Veranstaltung, zu der auch der Ökumenische Rat der Kirchen eingeladen hatte, nahmen 23 Teilnehmer aus kirchlichen und Laien-Organisatoren von 13 Ländern West- und Osteuropas, aus Süd- und Nordamerika, aus Afrika und Asien teil.
In höchstem Masse ungerecht stellt sich nach Ansicht der Teilnehmer die heutige Mobilität dar, die durch Straßen- und Flugverkehr dominiert wird. Von den weltweit vorhandenen ca. 500 Millionen Autos kommen " in Deutschland ein Auto auf zwei Bewohner; in Indien ein Auto auf 455 Bewohner und in China auf 1055", teilte Maurizio Salzar aus Mexiko mit. Wuerden alle Menschen dieser Erde den gleichen Mobilitaets-Egoismus in Anspruch nehmen wie die Industrielaender, haetten wir auf der Erde mehr als 3 Milliarden Autos, mit all ihrem Hunger nach Strassen, Benzin, Abgasen, Laerm, Naturreseourcen. Traegt die jetzige Anzahl der Autos weltweit ca.23% zur Erderwaermung bei, nicht auszudenken bei 3 Milliarden Autos. In den Industrielaendern, wo 85% der vorhandenen Autos ihre Gase ablassen, Unmengen an Platz fuer Strassen, Autobahnen und Parkmoeglichkeiten beanspruchen, die Menschen ohne Autos behindern durch ihren Laerm und Gestank, sind fuer 65-70% der CO2 Emissionen verantwortlich.
All dies Wissen, bekannt in Politik und Industrie, stoert nicht, weiterhin hauptsaechlich finanzielle Unterstützung fuer Infrastrukturen zu geben, die den individuellen motorisierten Transport favorisieren. "Für eine sechsspurige Autobahn zwischen Kampala und Entebbe in Uganda mußten die Bewohner Haus und Hof verlassen. Ihre gewohnten Gehwege wurden von Asphaltbändern durchtrennt. Das Überschreiten der Autobahn ist lebensgefährlich", berichtet Richard Kisamadu aus Uganda. Für die meisten Bewohner der Länder im Süden sind Fahrräder Luxusartikel geworden; doch koennten sie eine große Erleichterung fuer den Personen- und Gütertransport darstellen.
In den suedlichen Laendern, in denen zwar 85% der Weltbevoelkerung leben, rollen "nur" 95 Millionen Autos und diese meist in den Staedten, wo ca.15-30% der Bevoelkerung leben. Für wen werden diese Straßen gebaut? "In den letzten 30 Jahren," so Paul S. White vom Institut für Internationale Transport und Entwicklungspolitik (ITDP) aus New York, USA, " gingen über 60 Prozent oeffentlicher Gelder durch Weltbank-Kredite in Straßen und Autobahnenbau, weitere Straßenfinanzierungen sind in den Krediten für Landwirtschaftsprojekte und im Wald-Sektor beinhaltet. 48 Prozent des Transport-Sektors von UNDP gingen in den Flugsektor (nur 5% der gesamten Weltbevoelkerung fliegt) und 15 Prozent in den Schiff/Hafenausbau und Inland-Wassertransport" Die Straßenfinanzierung erhält in den Entwicklungsländern und in den osteuropäischen Ländern starke Unterstützung durch private Gelder und oeffentliche Gelder aus Banken und Entwicklungsagenturen und bilateraler staatlicher Entwicklungspolitik. Sie sind bereit Autobahnen statt Nahverkehrsnetze zu unterstützen, Flughäfen, statt Bahnhöfe freundlich, sicher und effizient zu gestalten. " Bis 1989 hatten wir ein zwar nicht allzu modernes aber dichtes öffentliches, vom Staat unterstützte Verkehrssystem", so Ilona Muzatkova aus der tschechischen Republik. "Nach 1989 gab es keine nationale Verkehrspolitik mehr. Im Namen Europas werden 15 000 km neue Autobahnen gebaut, 10 000 km Schienen für High-speed Züge; 50 prozentige Kapazitätssteigerung für Flughäfen ist geplant. Es sind betonierte Korridore für den West- Osthandel, nicht neue Möglichkeiten, dass sich Menschen in Ost und West näherkommen, so die Einschätzung von Dr. Janos Zlinsky von der katholischen Universität aus Ungarn. "Für Budapest sind ehrgeizige Pläne für 10 vier und fünf Sterne Hotel sind geplant, die ersten in Konstruktion, die Hotel Kapazität wird um 50 Prozent bis zum Ende 2000 steigen." "Der Wasser und Strom-Verbrauch eines fünf Sterne Hotels würde ausreichen fünf Dörfer in Indien zu versorgen", fügte Annette Groth hinzu, erfahrene Tourismus-Forscherin aus Genf. Mobilität als moderner Lebensstil ist zerstörerisch im Urlaub, wie zu Hause.
Dr. Carlos Dora vom Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation(WHO) : "In Europa verlieren jährlich im Durchschnitt 120.000 Menschen ihr Leben auf der Straße, jeder dritte unter 25 Jahre. Weltweit sind es laut Zahlen der Weltbank ca. 700.000 Tote und über 10 Millionen Verletzte. Kinder, Fußgänger und Radfahrer sind die am meisten Betroffenen. Viel zu wenig öffentlich ins Bewusstsein gerückt werde die Tatsache, dass 30 Minuten tägliches Laufen oder Fahrradfahren die Gefahr an Herzkrankheiten zu erkranken um 30% verringert, so der Arzt und Verkehrsspezialist im Dienst der WHO.
Vernachlässigter Nahverkehr und öffentliche Verkehrsmittel zwingen zur Immobilität, entweder im Stau auf der Straße im Auto, durch Behinderung für Fußgänger und Radfahrer durch das Auto oder einfach durch den fehlenden Zugang zu Transportmitteln .Die Illusion von Freiheit auf vier Rädern verdeckt den damit verbundenen Verlust an Zeit, an Lebensqualität und an Wohlstand, geopfert auf dem Altar einer egoistischen Minderheit der Weltbevoelkerung.
Pfarrer Kofi Amfo Akonnor aus Ghana oder auch Maria Guevara aus Venezuela unterstrichen in ihren Beiträgen, dass vielfach das Fahrrad der erste Schritt zu mehr und besserer Bildung und zu ökonomischer Selbstversorgung beitragen kann. Jedoch auch der Ausbau oder die Befestigung von Strassen im Landesinneren, wo 60-70 % der jeweiligen Menschen leben, seien noetig um kollektive Verkehrsmitteln wie Bussen eine sicherere Basis zu geben. Jedoch muessten diese Strassen den jeweiligen klimatischen Verhaeltnissen entsprechen und bei der Planung die kulturellen Gepflogenheiten -wie Verkauf entlang der Strassen aufgenommen werden.
Zum Abschluss der Konferenz appellierten Jutta Steigerwald, Leiterin des Studienprojektes "Perspektiven nachhaltiger Mobilität weltweit" und Dr. Lukas Vischer, Mitglied der Studiengruppe "Klimawandel" des Weltkirchenrates an die Kirchen, ihre ethische Verantwortung wahrzunehmen: Gutes Leben zeichnet sich aus durch unsere Beziehung zu Gottes Schoepfung und zu unserem Naechsten. Zur Erfuellugn diesen guten Lebens bewwegn wir uns fort und reisen. Sich zu bewegen ist characteristisch fuer alle lebenden Organismen, Zugang zu haben und die Eigenschaft mobil zu sein sind deshalb eingewebt in unser Lebensnetz. Deshalb ist Transport zentral fuer menschliche Lebensbedingungen.
Christen wie kirchliche Institutionen sollten sich bewegen: Klimaschutz im Transportwesen bedeutet Zugang fuer alle zu menschen- und umweltfreundlichen Transportmitteln.
Auch Kirchen sind im Interesse ihrer Arbeit auf Transportmittel angewiesen. Sie haben die Moeglichkeit christliches Vorbild zu geben, nämlich umwelt-, sozial- und mit Blick auf den eigenen Geldbeutel wirtschaftsverträglich, Mobilitaet qualitativ zu gestalten: Zum Beispiel ist die Ev.Kirche Deutschlands zusammen mit der Diakonie einer der größten Arbeitgeber Deutschlands mit ca. 580 000 Mitarbeiter, ca. 43 000 Einrichtungen und ca. 18.000 Kirchengemeinden. Entsprechend viel wird gefahren - zumeist mit dem Auto. Etwa 100.000 dienstlich genutzte Kraftfahrzeuge verbrauchen im Jahr - so schätzt Akademie-Studienleiter Jobst Kraus, ca 100 Millionen Liter Kraftstoff mit 180 Millionen DM Kosten. Allein eine benzinsparende Fahrweise könnte zu einer Einsparung von 60 Millionen DM jährlich führen. Da ein solides indischen Fahrrad in Afrika ca. 200.- DM kostet, könnten durch diesen praktizierten Klimaschutz jährlich 300.000 Fahrräder im Süden dieser Erde für mehr Lebensqualität sorgen.
"Gelänge die intendierte "Mobilisierung" der Kirchen für die Heilung der Schöpfung durch gelebtes Christentum und als Zeugnis einer neuen Mobilitätskultur, können Gemeinden und kirchliche Einrichtungen Haushälter der Schöpfung werden, so Antonella Visintin aus Italien, Mitglied der Leitungsgruppe des Umweltnetzwerkes der Kirchen Europas. Kirchen koennen sich an den europaweiten autofreien Sonntagen beteiligen, Autofasten praktizieren, sich an den Kirchgang erinnern oder in der Gemeindearbeit Fahrdienste, Car- wie Fahrrad-sharing initiieren.
Die TeilnehmerInnen der Tagung ermuntern den Weltkirchenrat sich des Themas Mobilität weiterhin anzunehmen und hoffen dass die Kirchen weltweit Sprachrohr der"Ausgeschlossenen" und "Opfer" der motorisierten Mobilitaet werden und sich an der Debatte und der Umsetzung von umwelt- und sozialfreundlichen Transport als konkretisierten Klimaschutz beteiligen. Dies waere ein Beitrag zur Bewahrung und Haushaltung der Schöpfung und truege auch zu mehr Gerechtigkeit bei,
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